Schropp-Story Teil 27

Vom by Anselm Neft

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

ice-crystal-64157_640Es war der Morgen des Tages, den die Christen den „Heiligen Abend“ nennen. Ein armer Schreiberling saß in seiner Stube und kaute am Stift. Er hatte versprochen, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, womöglich sogar eine, in der Wein vorkam, leckerer Wein. Nun aber wollte und wollte ihm nichts einfallen. Schuld daran war das Drama, das sich jedes Jahr wiederholte: Die besinnliche Adventszeit war mal wieder alles andere als besinnlich gewesen. Wie durch Geisterhand hatte sich zum Jahresende hin die Arbeit vermehrt. Vielleicht so, als stünde mit dem kalendarischen Ende das Ende des eigenen Lebens bevor, hatte der Dichter Etliches in Angriff genommen, was ihm wichtig schien: Gedanken zu Papier bringen, Freunde treffen, Adventskalender fürs Patentöchterchen basteln, Geschenke liebevoll selbst herstellen und noch fix die Texte schreiben oder überarbeiten, die in den letzten Monaten liegengeblieben waren. Und obwohl er es sich alle Jahre wieder vornahm: Auch dieses Mal war es ihm nicht gelungen, genug Ruhe zu halten, um in dem Wust seiner Wünsche und Verpflichtungsgefühle den Überblick zu behalten und sich seiner Angst vor dem Tod zu stellen, die im Hintergrund des emsigen Treibens und Kaufens und Blinkmützentragens und Glühweintrinkens still und heimlich wirkte.

So kaute er nun auf dem Stift und fragte sich, was er den am 24.12. den Leserinnen und Lesern mitzuteilen hatte. Schließlich gab er den Kampf auf. In dem Moment, in dem er nicht mehr haderte und strebte und wollte, klopfte es plötzlich an der Stubentür und ein grünbemützter Wichtelmann brachte zwei Geschenke vorbei: Eine Flasche Gewürztraminer vom Schropp und ein Blatt Papier auf dem ein Gedicht eines großen Dichters geschrieben stand. Die Flasche teilte sich der Schreiberling mit seiner Lieben, das Gedicht aber mit allen, die es lesen wollten:

 

Einsiedlers Heiliger Abend

Ich hab‘ in den Weihnachtstagen –
Ich weiß auch, warum –
Mir selbst einen Christbaum geschlagen,
Der ist ganz verkrüppelt und krumm.

Ich bohrte ein Loch in die Diele
Und steckte ihn da hinein
Und stellte rings um ihn viele
Flaschen Burgunderwein.

Und zierte, um Baumschmuck und Lichter
Zu sparen, ihn abends noch spät
Mit Löffeln, Gabeln und Trichter
Und anderem blanken Gerät.

Ich kochte zur heiligen Stunde
Mir Erbsensuppe und Speck
Und gab meinem fröhlichen Hunde
Gulasch und litt seinen Dreck.

Und sang aus burgundernder Kehle
Das Pfannenflickerlied.
Und pries mit bewundernder Seele
Alles das, was ich mied.

Es glimmte petroleumbetrunken
Später der Lampendocht.
Ich saß in Gedanken versunken.
Da hat’s an der Tür gepocht,

Und pochte wieder und wieder.
Es konnte das Christkind sein.
Und klang’s nicht wie Weihnachtslieder?
Ich aber rief nicht: „Herein!”

Ich zog mich aus und ging leise
Zu Bett, ohne Angst, ohne Spott,
Und dankte auf krumme Weise
Lallend dem lieben Gott.

(Aus: J. Ringelnatz, Allerdings, Berlin 1928)

 

Lesen Sie das nächste Mal: „Wie ein neuer Wein entsteht“.

Anselm Neft | Autor

Anselm Neft ist ein 1973 bei Bonn geborener Schriftsteller und Publizist.

www.anselmneft.de